NaturFreundin Erika Krebel organisiert in Leipzig historische Stadttouren
Wie erinnern wir an die Verbrechen an Menschen mit Behinderungen – und was hat diese Geschichte mit Ausgrenzung heute zu tun? Erika Krebel verbindet ihr Engagement bei den NaturFreunden mit politischer Bildung und historischer Erinnerungsarbeit. In Leipzig organisiert sie Stadtwanderungen und Radtouren zu Orten der NS-„Euthanasie“. Im Mitgliederinterview der aktuellen NATURFREUNDiN spricht sie darüber, warum diese Geschichte bis heute relevant ist und weshalb ihr die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten Mut macht.
NATURFREUNDIN: Erika, du arbeitest mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Was hat dich zu den NaturFreunden geführt?
Erika Krebel: Vor gut zwei Jahren bin ich über einen guten Freund zu den NaturFreunden gekommen. Mich hat dabei vor allem die Kombination aus Ausflügen in die Natur und politischer Bildung angesprochen. Jetzt biete ich selbst Wanderungen oder Fahrradtouren zu historischen Orten an, für NaturFreunde, auch für Jüngere aus der Naturfreundejugend und für Interessierte.
Um was geht es bei diesen historischen Stadtrundgängen oder den Radtouren?
Vor allem besuchen wir Orte, an denen in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen mit Behinderungen im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“ ermordet oder zwangssterilisiert wurden. Dabei thematisiere ich auch den größeren historischen Kontext, also die damalige Haltung der Psychiatrie und insgesamt den Umgang mit Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen bis heute. Es geht darum, wie vermeintliche Normalität konstruiert wird und wie wir mit Leuten umgehen, die nicht in diese Schablone passen.
Wie laufen solche historischen Touren ab?
Ende Juni haben wir etwa eine Fahrradtour von Leipzig zur Psychiatrischen Klinik Altscherbitz organisiert. Die liegt in der Nachbarstadt Schkeuditz, also knapp 15 Kilometer vom Stadtzentrum Leipzig entfernt. Zusammen mit zwei Experten, die beruflich mit dem Krankenhaus verbunden sind, haben wir einen Rundgang über das Gelände gemacht. Das Krankenhaus wurde vor 150 Jahren als sogenannte „Irren-Anstalt“ gegründet und die Experten warfen Schlaglichter auf die Geschichte. Ich selbst habe über die „Euthanasie“-Verbrechen berichtet. Im Zuge dessen sind mehr als 5.000 Altscherbitzer Patient*innen durch Hunger, Vernachlässigung oder durch Abtransport in Tötungsanstalten umgebracht worden. Alle zwei oder drei Monate machen wir solche Touren oder Stadtwanderungen. An der Radtour Ende Juni, die die NaturFreunde zusammen mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) angeboten haben, nahmen 25 Leute teil.
Warum liegt dir dieses Thema am Herzen?
Seit vielen Jahren arbeite ich beruflich mit Menschen mit Behinderung und Menschen mit psychischen Erkrankungen zusammen. In jeder Stadt oder Region gibt es Orte wie Altscherbitz oder Leipzig-Dösen, an denen früher eine psychiatrische Anstalt war, in der „Euthanasie“-Verbrechen verübt wurden. Doch das wird bis heute tabuisiert. Ich möchte Licht ins Dunkel bringen. Dabei geht es mir nicht nur um die „Euthanasie“-Verbrechen, sondern auch um deren Einordnung in den historischen Kontext einer menschenfeindlichen Anstaltspsychiatrie.
Werden psychisch oder körperlich Beeinträchtigte weiter angefeindet oder diskriminiert?
Bis heute gibt es viele Vorurteile und Ressentiments. Andererseits hat die Inklusion an Fahrt aufgenommen. Aber die bereits erreichten Fortschritte sind nicht gesichert. Inklusion kostet Geld und im Sozialbereich wird mittlerweile allerorten gekürzt. Meine Arbeit bei den NaturFreunden sehe ich auch als Engagement gegen den Rechtsruck. Vielen Leuten ist nicht klar, wie umfassend die Bedrohung ist. Menschen mit Beeinträchtigungen könnten kaum noch mit Unterstützung rechnen, falls die AfD ans Ruder kommen sollte. Ich sehe uns auf vielen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Feldern bedroht. Da geht es nicht nur um Streichung von Förderungen, der ganze Umgangston ist schärfer geworden. Deswegen ist politische Bildung wichtig, um die Leute daran zu erinnern, dass wir aufeinander angewiesen sind, dass wir soziale Wesen sind.
Was hast du persönlich von deinem Engagement bei den NaturFreunden?
Zunächst finde ich toll, dass man bei uns wirklich spannende Persönlichkeiten kennenlernt und mit ihnen zusammenarbeitet. Solange es Leute gibt, die aktiv sind, die sich nicht demotivieren lassen, geht es einem selbst trotz der politischen Situation besser. Es macht Mut, dass man nicht vereinzelt ist, sondern Gleichgesinnte trifft. Daraus erwächst Hoffnung.
Engagierst du dich auch außerhalb deiner Ortsgruppe?
Ich habe Ende August am Herrschaftskritischen Sommercamp teilgenommen, das die Naturfreundejugend Berlin und Leipzig ausgerichtet haben. Auch dort habe ich etwas zum Thema „Euthanasie“-Verbrechen angeboten. Außerdem habe ich etwas über intersektionale Diskriminierung von Frauen mit Beeinträchtigungen vorbereitet.
Interview: Jürgen Voges
(Dieser Artikel ist bereits erschienen in NATURFREUNDiN 3-26, dem Mitgliedermagazin der NaturFreunde Deutschlands.)

